Harisliz - die Fahnenflucht Tassilos

Harisliz - die Handlung
Von Gottfried Franz Kasparek

Die Konzentration auf vier Rollen – Tassilo, Liutberga, Karl der Große, Herold - , ein Gesangsensemble von Mönchen und ein kleines Orchester ergab sich aus der Aufgabe, für den atmosphärischen Kirchenraum, für eine relativ kleine Spiel- und Musizierfläche neues Musiktheater zu entwerfen.. Für den Librettisten war von Anfang an klar, dass die Texte leicht verständlich, aussagekräftig und dennoch poetisch sein müssen. Die Charakterisierung der „dramatis personae“ ergab sich aus den historischen Daten, den Freiräumen der Phantasie, diese mit Leben zu füllen, und manchen Motiven aus Saars Drama. Tassilo, der sich bereits im Kloster befindet, erlebt wie im Zeitraffer die Stationen seines Sturzes. Anfangs kämpft er noch mit seinem Schicksal und vermisst seine Familie schmerzlich. Zwischen ihm und Liutberga wird nicht bloß eine dynastisch-ökonomische Verbindung, sondern echte Zuneigung angenommen – dies soll auch damals vorgekommen sein. Die Herzogin, leidend am Untergang ihres väterlichen Reichs und dem Exildasein ihres Bruders in Byzanz, macht ihrem Gatten allerdings Vorwürfe, zu lange gezaudert zu haben, nicht genug wehrhaft gewesen zu sein. In der zweiten Rückblende wird der an der Notwendigkeit von Krieg und Gewalt massiv zweifelnde Tassilo von Karl, einem brutalen, aber charismatischen und schlauen Selbstherrscher, abgesetzt. Es wird klar, dass Karl mit Liutberga eine Vorgeschichte hat – der Frankenkönig war ja 770/71 mit einer Schwester Liutbergas verheiratet gewesen, hatte diese jedoch verstoßen. Tassilos letztes Aufbegehren kommt zu spät. Liutberga verdankt er die Rettung seines Lebens und seines Augenlichts. In der letzten Szene bezichtigt sich Tassilo der Feigheit und ringt im Kloster um die Gnade der Katharsis. Der Herold, eine Marionette der Macht, lädt ihn zum Reichstag. Tassilo erkennt: „Die Weisheit ist nicht im Munde der Mächtigen. Die Weisheit ist inmitten der Schöpfung. Die Liebe ist Gott.“


Harisliz – Motive und Musik
Von Herbert Grassl

O sapientia, que ex ore altissimi prodisti

Attingens a fine usque ad finem fortiter

Suaviter disponensque omnia:

Veni ad docendum nos viam prudencie.

(O Weisheit, hervorgegangen aus dem Mund des Höchsten, die Welt umspannst du von einem Ende zum Andern, in Kraft und Milde ordnest du alles; o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht!) – Antiphon vom Nonnberg

Mit dem Inhalt dieses Antiphons aus dem Kloster Nonnberg in Salzburg hätten sich wohl alle Protagonisten der Oper einverstanden erklärt. Wir befinden uns nämlich im 8. Jahrhundert, in dem König Karl der Große sich erfolgreich bemüht, Europa zu einigen. Er strebt nach der Kaiserkrone und hat noch einige Eroberungskriege zu führen. Als hervorragender Feldherr, mit Taktik und Hinterlist gewappnet, allerdings auch mit einer Brutalität, die selbst für die Zeit des Mittelalters aus dem Rahmen fällt, baut er das römisch-christliche Europa zusammen. Karl hat viele Bündnisse abgeschlossen, an die er sich nur solange hielt, wie sie ihm nützlich waren.Tassilo III., Herzog von Bayern, Gründer vieler Klöster, gefangen zwischen dem Treuebund mit seinem Vetter Karl und seinen Skrupeln, sich an Schlachten zu beteiligen, wählt den Weg, die Gruppe der „Willigen“ zu verlassen. Liutberga, Ehefrau Tassilos und Tochter des Langobardenkönigs Deisderius, dagegen will, dass der Herzog sich an der Seite ihrer Familie gegen Karl stellt. Papst Stefan III. hatte die Langobarden vor seiner Haustür als „eine treulose und stinkende Nation, die nicht einmal zu den Nationen gerechnet wird und von der gewiss die Aussätzigen ihren Ursprung haben“ beschimpft, obwohl sie in der Zwischenzeit mehrheitlich ihren arianischen Glauben abgelegt und römisch-katholisch geworden waren. Aber der Weg zu Weisheit und Einsicht ist nicht identisch mit dem zur Stärkung und Ausweitung der Macht. Es ist vielleicht ein Zeitfaktor – zuerst bekriegt man „stinkende“, „ungläubige“ Nationen, um sich danach der Milde und Einsicht Gottes zu erfreuen – noch heute glauben manche, die Demokratie müsse durch Krieg eingeführt werden.

Die seelischen Zustände Tassilos nach seiner Verurteilung und Verbannung in ein Kloster kann man sich vorstellen: Verzweiflung, Ohnmacht, Enttäuschung, Angst vor der Vernichtung seiner Familie. Dem Gescheiterten gilt unser Augenmerk. Bringt der Verlust der Herrschermacht und von deren Begleiterscheinungen ihn zu innerer Ruhe, zum Nachdenken über Herrschaft und Krieg, Zwangstaufen und Todesstrafen? Unser Herzog beginnt über sein Leben zureflektieren und dies wird der Schwerpunkt des Geschehens. Die Musik versucht, diese Stimmungsbilder aufzugreifen. Das aus 5 Bläsern, Harfe, zwei Schlagzeugern und 4 Streichern bestehende Instrumentalensemble ermöglicht eine facettenreiche Kombination von Farben, „schwebenden“ Harmonien und zarten Verbindungen. Das Sinnieren über vergangene, siegreich geführte Schlachten verliert alles Heroische und wird zur Last – und so gewinnt auch in der Musik die Trauer über das Geschehene die Oberhand. Selbst das Schlagzeug, angereichert mit außerordentlichen Instrumenten, übernimmt zum großen Teil die Rolle leisen Begleitens auf der Suche nach dem Weg von seelischer Zerrissenheit zu innerem Frieden und, in der Abgeschiedenheit des Klosters, zu Ruhe und Kontemplation.